Donnerstag, 26. April 2012, 8:45 Uhr, sonniges Wetter, leichte Wolken – die Frisur sitzt

Seit einer guten Stunde lungern wir am Flugsteig herum und warten darauf, dass es endlich losgeht. Die empfohlene Vorlaufzeit von drei Stunden haben wir nicht ganz eingehalten, waren aber deutlich früher am Flughafen als sonst. Auf diesem Flug werden wir (leider) im hinteren Drittel der Maschine sitzen, da Delta die besseren Plätze im vorderen Kabinenteil nur gegen Extragebühr vergibt. Dies gilt selbstverständlich auch für die Plätze an den Notausgängen. Sehr transparente Verkaufspolitik – so relativiert sich der günstige Ticketpreis schnell… Nun ja, ich will nicht klagen und Gerhard tut’s sowieso nicht. Wir werden also gleich unsere gegenüberliegenden Gangplätze einnehmen und freuen uns auf einen hoffentlich ruhigen Flug. In wenigen Minuten soll das Boarding beginnen.

10:25 Uhr – schon in der Luft

Meine Stimmung ist nicht urlaubsgemäß, ganz und gar nicht. Kurz vor einer Klaustrophobie, diese Beschreibung trifft es am besten. Die Rückenlehne meines Vordermannes ist bereits nach hinten gestellt, meine eigene lässt sich nicht verstellen, weil der Mensch hinter mir seine Knie dann nirgends mehr lassen kann und schärfstens gegen seine Unbequemlichkeit protestiert. Ja, was soll ich sagen? Delta orientiert sich als US-Airline vermutlich nicht an den europäischen Bestimmungen zur artgerechten Beförderung von Tieren. Selbst auf dem letzten innerdeutschen Air Berlin-Flug war die Bestuhlung großzügiger. Darf ich mich als Lufthansa-Aktionärin überhaupt beschweren, wenn ich mit der Konkurrenz fliege oder ist es die gerechte Strafe dafür?

Auf jeden Fall gibt es unter dem Vordersitz nicht genug Platz, mein Handgepäck zu verstauen und auch nicht, die notwendigen Accessoires zur persönlichen Unterhaltung und Bequemlichkeit irgendwie unterzubringen. Ich will jetzt einfach nur, dass es schnell vorbei ist, aber laut Anzeige sind wir erst über Amsterdam und haben noch 9,5 Stunden vor uns. 9,5 Stunden, von denen ich hoffe, dass sich noch irgendetwas Positives tut, über dass ich berichten kann.

11:50 Uhr ­ Fütterung

Es will und will mir nicht gelingen, diesen Flug als angenehm zu empfinden. Als Yogi sollte ich doch in der Lage sein, über eine gewisse Zeit in einer Position zu verharren. Wenn ich nur ein wenig mehr Platz hätte, wäre das sicher auch kein Problem. So aber ist es einfach eine sehr unangenehme Zwangshaltung, in der es schon deutlich in meiner linken Pohälfte zwickt. Zusätzlich geplagt von kalten Füssen haben wir gerade eine etwas stärkere Turbolenz hinter uns gebracht, allerdings nicht so stark, dass der Service eingestellt wurde. Dass das Unterhaltungsprogramm rebootet wurde und immer noch nicht überall gescheit funktioniert, scheint ein spezielles Delta-Problem zu sein. Oder ist es einfach nur Zufall, dass auf dem letzten Flug mit dieser Airline vor 1,5 Jahren die Filme ebenfalls nicht störungsfrei zur Verfügung standen?

Ich bin ja nur froh, dass ich mit meiner Meckerei nicht allein bin. Jerry hat bereits das Alter der Stewardessen krass als „dem Altersheim entsprungen“ definiert, was – nun ja, was soll ich sagen? – nur ein ganz bisschen übertrieben ist. Jedenfalls macht keine der Damen den Eindruck, als würden sie diesen Job mit Freude machen. Werden sie deshalb in der Touristenklasse eingesetzt oder gucken sie so unglücklich, weil sie in dieser zweifelhaften Umgebung ihren Dienst tun müssen?

Verständlich wäre das schon – ich brauche nur schräg nach links zu schauen und sehe einen jüngeren Mann, tätowiert bis zum Hals und mit grauenvollen Piercings im Gesicht.

Zum Unterhaltungsprogramm jedes Fluges gehören zweifellos die Verabreichungen der Speisen und Getränken. Wegen des bereits beschriebenen Platzmangels verzichte ich dankend auf das Angebot, dessen Geruch mich irgendwie leicht an Tierfutter aus der Dose erinnert. Vielleicht kann ich meinem Liebsten gleich noch die Cracker von seinem Plastiktablett, das überaus geschmackvoll im Holz-Design daherkommt, zocken? — Bingo! Es hat geklappt, schnell noch ein zweites „Glas“ Cola hinterher und die Kalorienbilanz stimmt.

Den Informationen auf dem Bildschirmchen vor mir entnehme ich, dass die Bettlänge in dieser 246 Passagiere fassenden Boeing 767-400ER schlappe 78 Zoll (198 cm) beträgt. Das zu wissen, erfreut den auf 45 x 79 cm eingequetschten Touristenklasse-Passagier doch ganz enorm. Geschmälert wird diese Freude über die Tatsache, dass dieser Vogel nur mit zwei Triebwerken unterwegs ist. Irgendwie fühle ich mich in einer vierstrahligen Maschine doch ein wenig wohler.

Gut, nun habe ich etwas Positives gefunden. Die Unbeweglichkeit der Mitreisenden, hervorgerufen durch die zum Essen heruntergeklappten Tischchen, habe ich genutzt, um in aller Ruhe und ohne Anstehen davor einen Waschraum aufzusuchen. Die Klimaanlage darin bläst sämtliche Gerüche umgehend fort und die in USA üblichen Sitzabdeckungen sorgen für eine optisch einwandfreie Brille.

Zweite positive Begebenheit: Im Filmangebot ist „Marilyn“ – der Streifen ist bei uns erst vorletzte Woche angelaufen und steht sowieso auf meiner Wunschliste. Ich hoffe nur, dass das Videosystem nicht wieder schlappmacht – das wäre dann Positivum Numero 3.

16:25 Uhr nach deutscher Zeit

Der Film ist tatsächlich durchgelaufen und sehenswert, auch wenn ich in der Originalversion nicht alles verstanden habe. Der schräge Typ schräg links vor mir hat zeitgleich auf seinem IPAD Gran Tourino gesehen, ich war hin und hergerissen von Marilyn auf dem etwas trüben und viel zu kleinen Bildschirmchen vor mir und der Brillanz des IPADs. Tolles Ding.

Nun rumpelt es wieder als rollte die Kutsche über heftiges Kopfsteinpflaster. Jessas!

Schlafen würde ich gern ein wenig, aber leider ist die Sitzposition immer noch unbequem, da hilft nicht mal das Nackenhörnchen. Ein bisschen bizarr ist es ja schon: Um in das Land der großen Weite zu kommen, muss man sich erst einmal mit Minimalplatz bescheiden. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Zwischenlandung in Atlanta und darauf, mir die Beine vertreten zu können und vielleicht einen frischen Bagel oder ein Sandwich zwischen die Kiemen zu schieben. Meine zweite Vorfreude gilt der Ankunft in Charlotte, einer erfrischenden Dusche und dem Ausstrecken im Hotelbett. Ich hoffe auf Kingsize und einen schönen ersten Urlaubstag.

Neben mir schreibt auch Gerhard schon einen Artikel für unseren Blog. Die umfangreiche Wortsammlung am heutigen Tag wird unsere Leser vielleicht ein wenig (über-)fordern, aber hoffentlich doch interessieren und unterhalten.

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